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Seite 1 von 3 Während der Kapitalismus in Davos seine Wunden leckt, löst seine Krise in Belém klammheimliche Freude aus. Dort findet das Weltsozialforum statt, das alternative, linke Gegenstück zu Davos - und das sieht seine alte, ätzende Kritik am Kapitalismus nun durch die Wirklichkeit bestätigt. neiro.
Warum setzen sich Abertausende von Menschen ins Flugzeug, warum reisen sie in diese regnerische Tropen-Stadt, warum halten sie Stunden über Stunden bei Backofen-Temperaturen in stickigen Seminarräumen aus? Sicher auch wegen der bunten, alternativen Folklore des Weltsozialforums, die ein einzigartiges Wir-Gefühl erzeugt. Aber vor allem wegen der vielen Glanzlichter des sechstägigen Welttreffens der alternativen Bewegungen, von denen zum Beispiel das IIRSA-Seminar eines ist. Das Kürzel steht für ein gigantisches Infrastruktur-Projekt, das die Staatschefs Südamerikas Ende der Neunziger beschlossen haben. Für knapp 70 Milliarden Dollar sollten kreuz und quer durch Südamerika neue Straßen, Hochspannungsleitungen, Wasserwege, Telefonverbindungen gelegt werden. Man braucht nur einen Blick auf die Landkarte zu werfen, dann ahnt man schon, was für ein gewaltiges Ausmaß an Naturzerstörung da im Namen des Fortschritts geplant wird – Autobahnen durch das Amazonasbecken, um Asien schneller und billiger mit Soja zu versorgen! Das Weltsozialforum bringt – und das ist seine Stärke – Wissenschaftler und Kritiker, Aktivisten und Betroffene zu differenziertem, sachkundigem Dialog zusammen, und keineswegs nur „die, die sowieso gegen alles und jedes sind“, wie das Magazin „Veja“ das Forum einmal beschimpft hat. So war es früher, so ist es auch diesmal – nur mit einem Unterschied: Die Finanzkrise unterlegt den alten Zweifeln am Weltwirtschaftssystem und seiner Wachstumsphilosophie nicht nur Aktualität, sondern verleiht ihnen Bestätigung und Berechtigung. IIRSA, das sei Ausdruck der alten, unverbesserlichen Fortschrittsidee, die eigentlich nur von den indigenen Völkern in Frage gestellt werde, sagte ein kolumbianischer Soziologe – ja, da hätte man früher auch schon genickt. Aber die Krise des Finanzsystems stellt selbst so einen unbestrittenen Satz in einen neuen Kontext.
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