Dilma Rousseff erste Frau in Brasiliens Präsidentenamt PDF Drucken E-Mail

Wahlkampf im Gottesdienst

Schwangerschaftsabbruch an erster Stelle, dann Terrorismus und zum Schluss erst Korruption. Das scheint besonders abgestimmt auf große Teile der Bevölkerung des Nordostens mit ihrer christlichen Verankerung. So nimmt auch nicht Wunder, was am Samstag, dem 16. Oktober 2010, im nach Assisi weltweit größten Franziskus-Wallfahrtsort in Canindé im Bundesland Ceará geschah. Dort ist nach einem neuntägigen Vorlauf (Novena) eigentlich am 4.10.2010 das große Ereignis des Namensfestes des hl. Franz von Assisi. Fallen aber Wahlen auf den Tag oder Vortag, wie in diesem Jahr, werden Novene und Fest verschoben.
Zur Messe am Samstag, dem 16. Oktober 2010, erschien politischer Besuch, José Serra samt Mitstreitern wie Tasso Jereissati. Nun war Serra nicht zum ersten Mal in Canindé. Diesmal aber schien ihm fast niemand der Gottesdienstgemeinde abzunehmen, dass religiöse Gründe ihn veranlasst hatten, dort zu erscheinen, wo auch das Fernsehen präsent war. So wurde der Kandidat mit Pfiffen bedacht. Bestärkt wurden diese Zweifel auch dadurch, dass ein Team der wegen ihres Parteiemblems, ein Tukan, „Tucanos“ genannten PDSB-Gruppe, das gegen Dilma gerichtete Pamphlet auf dem Gelände der Basilika verteilte. Franziskanerpater Francisco Gonçalves verwahrte sich dagegen, dass religiöse Akte wie der Gottesdienst für politische Aktivitäten missbraucht würden. Zum Propagandazettel merkte er an, dort werde der Eindruck erweckt, dass die Kirche dahinter stehe und gegen Dilma sei. „Das ist nicht wahr“, fuhr er fort und erhielt Beifall. Tasso jedoch drehte durch und zeigte sich aggressiv gegen den Pater. Einigen Berichten zufolge soll er ihm das Mikrofon entrissen haben. Gerätselt wurde, warum ein brasilianischer Senator so agiert. Vielleicht, weil er die Frustration, am 3.10.2010 nicht in den Senat wiedergewählt worden zu sein, noch nicht verwunden hatte.

Gouverneurs-, Parlaments- und Landtagswahlen

Neben den Präsidentschaftswahlen, die international die größte Aufmerksamkeit erregten, gab es auch Wahlen zum Parlament, das in Brasilien aus zwei Kammern besteht, dem Abgeordnetenhaus und dem Senat. Zudem wurden die Gouverneure der Bundesländer und die dortigen Landtage neu gewählt.
Die beiden großen Bundesländer São Paulo und Minas Gerais wurden von der PSDB gewonnen, São Paulo von Geraldo Alckmin, Minas Gerais von Antonio Anastasia. Rio Grande do Sul, lange Zeit für die Herzkammer der PT gehalten, ging mit Tarso Genro an diese, ebenso wie der Gouverneursposten im großen Flächenland Bahia an Wagner von der PT fiel. In Rio de Janeiro siegte Sergio Cabral von der PMDB.
Zwei Drittel der Sitze wurden für den Senat gewählt, das restliche Drittel steht in vier Jahren an. Die Amtszeit dauert jeweils acht Jahre. PT und PMDB waren die großen Sieger, die Opposition die Verliererin der Senatswahlen. Die Regierungskoalition hat dort nun eine Drei-Fünftel-Mehrheit. Die PSDB von Kandidat Serra hat jetzt 6 Sitze weniger, die ebenfalls zur Opposition gehörende DEM verlor 5 Sitze.
Auch bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus setzte sich diese Tendenz fort. Die PT ist dort nun stärkste Partei, gefolgt von der Koalitionspartnerin PMDB. PSDB und DEM von der Opposition verloren kräftig. Die genaue Zusammensetzung ergibt sich aber erst, wenn feststeht, ob die Abgeordneten nicht Ämter in der Exekutive des Bundes oder der Länder annehmen. Das gilt auch für den Senat. Die Nachrücker folgen dann nach dem Wahlergebnis und nicht nach der Parteizugehörigkeit. Noch schwieriger ist es deshalb auch, Aussagen für die Landtage, die Assembléias Legislativas, die Gesetzgebenden Versammlungen zu treffen.
Am Rande sei bemerkt, der bekannte Fußballer Romário ist nun  Bundes-Abgeordneter in Brasília für die Sozialistische Partei PSB, da er im Bundesland Rio de Janeiro mit dem sechstbesten Ergebnis gewählt wurde.

Hubertus Rescher (Hupsy)