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Solidarität macht stark: Katholische Zusammenarbeit mit Indigenen im Wandel

Egydio Schwade, Presidente Figueiredo
Übersetzung: Hubert Eisele

Es war am 1. Januar 1963, vor 62 Jahren, als ich in der MIA-Anchieta-Mission im Nordwesten von Mato Grosso ankam und zum ersten Mal mit eigenen Augen die beklagenswerte Situation der indigenen Bevölkerung Brasiliens aus nächster Nähe sah...

Der Kirche und dem brasilianischen Staat ging es nur darum, die verbliebenen Völker „in die nationale Gesellschaft zu integrieren“, also in das im Jahr 1500 aus Europa übernommene wirtschaftlich-religiöse Programm. Es ist bekannt, dass die „Integration“ eines Volkes immer mit seiner „Desintegration“ einhergeht. Fast alle indigenen Völker galten bereits als „verlorene Sache“, integriert in die nationale Gesellschaft, also nicht existent. Es gab damals bereits weniger als 100.000 Indigene, wie Darci Ribeiro in einer in den 50er Jahren durchgeführten Erhebung feststellte.
Aber hier sind sie noch heute, lebendig und mehr geworden, fast zwei Millionen von ihnen. Sie öffnen Wege der Hoffnung für die gesamte Menschheit in einer Zeit, in der alle Arten von Katastrophen durch Aktionen von Invasoren verursacht werden.
Sie haben in diesen 525 Jahren der europäischen Invasion die schrecklichsten Situationen erlitten, wie ich während meiner Besuche in den 60er und 70er Jahren als Berater der OPAN (Operation Anchieta) und als Exekutivsekretär des CIMI, des Indigenenmissionsrats, in jedem Winkel des Landes erleben und feststellen konnte. Es gab zahlreiche Massaker wie das vom Parallelo 11 an den Cinta Larga-Indigenen 1963 am Juina Mirim-Fluss, das von den Kautschukzapfern Antônio Junqueira und Sebastião de Arruda verübt wurde; die Tapayuna-Indianer am Arinos-Fluss, die durch die kriminellen Handlungen der Kautschukzapfer mit vergiftetem Zucker und der Übertragung von Epidemien, die sie von fast tausend auf 43 Menschen reduzierten, fast ausgelöscht wurden; die Panará, die vom Militär beim Bau der Autobahn BR-163 Cuiabá-Santarém massakriert wurden; die Parakanã, Diajui, Tenharim und verschiedene andere, die beim Bau der Transamazônica getötet wurden; verschiedene Völker, die vom Perimetral Norte betroffen sind, wie die Yanomami und die Wai Wai. Und sogar mit Napalm verübte das Militär den Völkermord an den Waimiri-Atroari, in dem Gebiet, in dem ich heute lebe. Und das alles wegen des kriminellen Ehrgeizes des Staates und der Unternehmen, sich das Land und seine natürlichen Ressourcen anzueignen. All dies erforderte und erfordert noch heute radikale Veränderungen in der traditionellen indigenen Pastoralarbeit der mit dem Staat verbündeten Kirche.
Zwischen 1962 und 1965 fand in Rom das Zweite Vatikanische Konzil statt, das die Notwendigkeit betonte, das traditionell-doktrinäre Modell der Kirche gegenüber diesen Völkern zu ändern. „Die Missionare sollen versuchen, die in den Völkern verborgene Saat Gottes zu ernten“. (Ad gentes 11). Statt sie zu missionieren, sollte ihr Leben garantiert und ihre Wertebasis kennengelernt werden. Sich mit diesen verbliebenen Völkern zu verbünden, in ihren Dörfern zu leben, dem indoktrinierenden Einfluss ein Ende zu bereiten, sich denen zu widersetzen, die am Prozess der Auslöschung der indigenen Völker mitwirken, indem sie sie in das kapitalistische System integrieren und sie zu Spielfiguren degradieren, ohne ihr Land, ohne ihre Kultur und ohne Autonomie zu achten.
Auf der Grundlage des Zweiten Vatikanischen Konzils haben wir begonnen, ein neues Modell der Evangelisierung zu formulieren. Veränderungen wurden möglich für die missionarische Kirche, mit Solidarität und einem Horizont für die Freiheit dieser Menschen, um einen Traum zu verwirklichen, der in ihren Herzen eingeschrieben ist. Ich habe mehr als ein Dutzend junger Männer und Frauen begleitet, die die Seminare verlassen haben, und ein weiteres Dutzend Studenten, junge Männer und Frauen, die ihr Studium abgebrochen haben, sowie andere, die in ihren Jugendgruppen den Entschluss gefasst haben, sich mit der Realität des Elends der Eingeborenen auseinanderzusetzen und sie im Kampf für ihre Rechte zu ermutigen.
Das alte Modell der katholischen Kirche beschränkte sich auf die Indoktrination. Und die anderen christlichen Kirchen kümmerten sich nur darum, die Bibel „in extremis“ in die Sprachen der Eingeborenen zu übersetzen, die auf dem amerikanischen Kontinent, insbesondere im Amazonasgebiet, verblieben. Sie kümmerten sich wenig um die Aggressionen, denen die Indigenen ausgesetzt waren, unter denen sie zu leiden hatten und die Gefahr, ganz zu verschwinden. Von einem Engagement für die Solidarität mit den Völkern im übrigen Land, außerhalb des Amazonasgebiets, die sich mit ihren Werten noch immer hartnäckig gegen dieses grausame individualistisch-doktrinär-kapitalistische Programm wehrten, war nichts zu spüren.
Es war notwendig, dieser Situation mit einer neuen Vision zu begegnen, die die alte Herangehensweise änderte. Es war notwendig, der bisherigen Entwicklung ein Ende zu setzen, den Horizont in eine Vision ohne Grenzen zu erweitern und zu versuchen, „neue Wege“ zu schaffen, um Menschen aufzunehmen, die das Leiden dieser überlebenden Völker sahen. Diese Menschen waren bereit, sich in ihrer Realität bis zu dem Punkt zu inkarnieren, an dem sie als ihre Mitglieder akzeptiert wurden, die sich im Kampf für eine wirkliche Frohe Botschaft engagierten, das heißt für ihr Land, ihre Kultur und für die Wiedererlangung ihrer Autonomie.
So entstanden in Brasilien und auf der ganzen Welt neue Gruppen von Menschen und Organisationen, die mithalfen, den Kurs dieser ruchlosen gegen Indigene gerichtete Politik zu ändern, die seit dem Jahr 1500 auf brasilianischem Boden betrieben wurde. 1969 gründeten wir OPAN-Operação Anchieta, heute Operação Amazônia Nativa; 1972 den CIMI-Conselho Indigenista Missionário, den indigenen Missionsrat, der mit der Einrichtung seines Sekretariats eineinhalb Jahre später half, Versammlungen der Indigenen und regelmäßige Treffen zum Wandel der indigenen Pastoralarbeit vorzubereiten. Es folgte die Gründung regionaler Zentren des CIMI, wodurch die indigene Frage zu einer nationalen Angelegenheit wurde. Dann begann sich auch die nationale Gesellschaft allmählich zu bewegen, vor allem durch die öffentlichen Universitäten. Organisationen wurden gegründet, um das neue Programm zu unterstützen. In Rio Grande do Sul, Rio de Janeiro und Bahia wurde die ANAI - Nationale Vereinigung zur Unterstützung der Indigenen, in São Paulo und Acre die CPI-Pro-Indigenen-Kommission, in Minas Gerais die GREQUI-Grupo de Estudos da Questão Indigena, in Pará die GAI-Grupo de Apoio ao Indio und in Manaus die Gruppe zur Unterstützung der Kukuru-Indigenen gegründet. Als dann auch noch eifrige Journalisten begannen an den Treffen und Versammlungen der Indigenen teilzunehmen, wurden ihre Probleme und Anprangerungen auf einmal Themen in den Mainstream-Medien.
Auch in Europa gab es eine starke Beteiligung von Menschen und internationalen Organisationen an diesem indigenen Kampf. Lehrer des Comeniuskollegs in Mettingen/Deutschland gründeten den Verein Brasilien-Hilfe und die Zeitschrift „BrasilienNachrichten“, ein Projekt, das heute noch besteht und dessen Seele unser Freund Bernd Lobgesang war, ein ganz besonderer Mensch, der bis zu seinem kürzlichen Tod in diesem Kampf aktiv blieb. Mit großer Kreativität hat Bernd unsere Rundbriefe in Deutschland bekannt gemacht. Er gab den indigenen Völkern in Deutschland eine Stimme, die sich gegen die Diktaturen zu wehren begannen, die sie seit Jahrhunderten unterdrückt hatten. Die Gruppe von Lehrern aus Mettingen erhielt Unterstützung von Schülern, Lehrerinnen und Lehrern in der deutschen Gesellschaft und in den Nachbarländern, und die Unterstützung und Beteiligung der Brasilieninitiative in Freiburg. Und dieser Zusammenschluss unter der Leitung von Bernardo und Günter Schulz wird bis heute fortgesetzt und informiert die deutsche Öffentlichkeit mit konstanten und konsistenten Informationen über die brasilianische Realität mit transformativen Vorschlägen.
Im Jahr 1980, als ich bereits verheiratet war, beschlossen meine Frau Doroti und ich, zusammen mit unserer Familie, nach Amazonas zu ziehen. Ich beschloss, nach Amazonien zu gehen und dort zu leben, um dem Volk der Waimiri-Atroari Solidarität zu helfen. Dieses Volk war am stärksten von der Grausamkeit der Militärdiktatur betroffen, die sie von 3.000 auf nur 332 Menschen und ihr Territorium auf ein Viertel seiner Größe reduzierte. Wir kamen in das Amazonasgebiet, obwohl die Militärdiktatur den Zutritt zu allen indigenen Gebieten verbot. Aber zu Beginn der Neuen Republik erhielten wir die Erlaubnis, der Bitte der Indigenen nachzukommen und Alphabetisierungskurse in ihrer Sprache zu beginnen, was wir unter Anwendung der Methode von Paulo Freire taten. Es war das erste Mal, dass sie in der Lage waren, den Völkermord, den sie erlitten hatten, zu artikulieren. Aber ihre Peiniger konnten diese Enthüllungen nicht ertragen und nach anderthalb Jahren vertrieben sie uns aus dem Gebiet und versuchten, den Kontakt zu uns zu verhindern. Diese Situation hält bis heute in Bezug auf uns und die indigene Bevölkerung durch das Programm PWA - Waimiri-Atroari an, das von der Firma Eletronorte, die die Politik der Diktatur gegenüber diesem Volk fortsetzt, und ihre Projekte den Menschen aufzwingt.
In den 20 Jahren der Militärdiktatur und den 40 Jahren der Neuen Republik hat sich im Grunde genommen an den Praktiken der brasilianischen Regierungen der indigenen Bevölkerung gegenüber wenig geändert.
Jedoch haben sich in der Mentalität der nationalen Gesellschaft und insbesondere in einigen christlichen Kirchen, wie zum Beispiel der katholischen Kirche und der IECLB – der evangelisch-Lutherischen Kirche von Brasilien - tiefe und noch nie dagewesene Veränderungen eingestellt. Sie sind nicht mehr Verbündete der Regierungen, sondern stehen fest auf der Seite der indigenen Völker und ermutigen sie, ihre Versammlungen abzuhalten, in denen sie über ihre Probleme diskutieren und selbst entscheiden können. Und auf der Seite der Indigenenbewegung prangern sie die Unterlassungen und Verbrechen der Regierungen und der eindringenden Unternehmen an. Aus diesem Grund litten und leiden sie unter der Repression sowohl der Militärdiktatur (1964-1985), als auch von den Regierungen der sogenannten Neuen Republik.
Aber das Bündnis mit den indigenen Völkern besteht nach wie vor und zeigt, dass sie lebendig sind und sich in ihrer Kleidung inzwischen im ganzen Land zeigen, jeden Tag sichtbarer und würdevoller. Niemand wagt es mehr, von einer „verlorenen Sache“ zu sprechen.
Und ich bin froh, dass ich an diesem historischen Wandel teilhaben konnte und auch ein wenig von dem Leid zu spüren bekam, das diese Völker durchgemacht haben und z. T. heute noch durchmachen. Ich habe 11 Jahre lang unter der Militärdiktatur gelitten, bin heimlich in indigene Gebiete eingereist, um mich mit Ihnen solidarisch zu zeigen. Und das Gleiche passierte mit meiner ganzen Familie in den folgenden 36 Jahren, zwischen uns und dem Volk der Waimiri-Atroari. Und obwohl ich mich nicht schuldig fühle, an irgendeinem indigenen Volk ein Unrecht begangen zu haben, werde ich noch immer am freien Zugang zu den Waimiri-Atroari gehindert. Und die Waimiri-Atroari werden ihrerseits daran gehindert sich mit Informationen über ihre Vergangenheit in unserer Casa da Cultura do Urubuí versorgen zu können.
Abschließend möchte ich betonen, dass die Anwesenheit und die Solidarität der deutschen Genossen und Freunde wie Bernd Lobgesang und Günter Schulz entscheidend dazu beigetragen haben, diesen dornigen Weg der Solidarität und der Unterstützung für den Fortschritt der indigenen Völker seit den 1970er Jahren zu beschreiten.
Als er sich bei unserer Vertreibung durch die FUNAI am 3. Dezember 1986 von unserer Familie im Dorf Yawara verabschiedete, sagte der Waimiri-Atroari tuxaua, Wame Viana, niedergeschlagen und traurig: „Egydio, du, Doroti, CIMI, seid genauso schwach wie wir.“ Die Menschheit muss sich heute auf die Suche nach ihren Ursprüngen machen, und sich an dem Licht, das von den Wehrlosen ausgeht orientieren. Es ist notwendig alle Grenzen der Welt in dem Licht zu betrachten, das von den Schwächsten ausgeht: Solidarität.

Egydio Schwade, Theologe und Philosoph. Engagiert sich sein Jahrzehnten für die Rechte der Indigenen, Mitbegründer des Missionsrates CIMI und auch der Arbeiterpartei PT in Amazonien.

BrasilienNachrichten 171/2025