Eine brasilianische Kultur der Gemeinschaft – Die Macht der gesprochenen Poesie in der Favela
Franklim Drumond, Belo Horizonte
Übersetzung: Bernd Stößel
Die traditionellen Wurzeln der avantgardistischen kulturellen Ausdrucksformen können sich darin zeigen, dass sich in ihnen rhythmische und ästhetische Elemente verbinden, die so alt sind wie die menschliche Besiedlung des Landes. Dies ist der Fall bei den Batalhas de Rimas („Reim-Schlachten“) und den Poetry Slams, die an den Peripherien der großen brasilianischen urbanen Zentren abgehalten werden. In diesem Artikel wollen wir uns der Verbindung der kulturellen Leidenschaften der urbanen Gemeinschaften (Favelas) mit der Überlieferung der Ahnen annähern.
Zwischen den 1970er und den 1980er Jahren entwickelte sich in der Bronx in New York der Hip-Hop. Der kulturelle Stil vereint Tanz, Graffiti, Kleidung, Schmuck und vor allem den Rap. RAP bedeutet im Portugiesischen „Rhythmus und Poesie“, ein bekannter Vertreter dieses Stils ist die brasilianische Band Racionais MCs. Der musikalische Rhythmus stellt eine Art gesungene Poesie dar, im Rhythmus der von DJs komponierten Schläge, begleitet von Breaks, kam er in die Peripherien Brasiliens und etablierte sich dort. Derzeit ziehen die Batalhas de Rimas in den Metropolen Brasiliens Menschenmassen an. Dabei „kämpfen“ zwei Musiker miteinander, indem sie sich gegenseitig mit Versen „bewerfen“.
In den 1980er Jahren entstand außerdem die erste Meisterschaft in gesprochener Poesie, dieses Mal in Chicago. Schöpfer war der Bauarbeiter und Poet Marc Kelly Smith. Der US-Amerikaner wählte das Wort „Slam“, ein Begriff, der für die Endphase der Meisterschaften im Baseball, Basketball und Tennis verwendet wird. In Brasilien fanden die ersten Meisterschaften in gesprochener Poesie ab 2008 statt. Diese Wettbewerbe wurden organisiert von der Slammerin (Dichterin) Roberta Estrela D’Alva als Teil der Aufführung des Theater-Ensembles „Núcleo Bartolomeu de Depoimentos“. Dieses wurde 1999 in São Paulo gegründet und verwendet bei seinen Auftritten Elemente der Hip-Hop-Kultur, wie Breakdance, Graffiti und Rap.
Aktuell gibt es in Brasilien den SLAM BR – Campeonato Brasileiro de Poesia Falada („Wettbewerb für gesprochene Dichtkunst“). An diesem nehmen die Sieger der Wettbewerbe in den Bundesstaaten teil. Der Sieger oder die Siegerin des SLAM BR vertreten Brasilien dann beim World Poetry Slam Championship, zu dem sich Slammer aus vielen Ländern zusammenfinden. Das vergangene World Poetry Slam Championship fand vom 12. bis 15. Oktober 2023 in Rio de Janeiro statt, während des 13. Festa Literária das Periferias (Flup, „Literaturfest der Peripherien“). Es nahmen Vertreter aus 40 Ländern teil.
Poetry-Slammer auf dem Vormarsch in Brasilien
Der Slam ist ein Wettbewerb für gesprochene Dichtkunst, die Performances der Dichterinnen und Dichter dauern bis zu drei Minuten, ohne die Verwendung von speziellen Kostümen, Szenenelementen oder musikalische Begleitung. In Brasilien gibt es bereits mehr als 130 Slam-Gemeinschaften. Allein im Bundesstaat Minas Gerais sind es 25, darunter der Slam Clube da Luta, der den Slam für Minas Gerais organisiert. Zwei Vertreter nahmen schon am weltweiten Wettbewerb teil, 2014 João Paiva und 2019 Pieta Poeta.
Der Slam Clube da Luta hält seine Veranstaltungen in den Kulturzentren ab, die unter Verwaltung der Präfektur Belo Horizonte stehen. Außerdem fördert er Aktivitäten in verschiedenen Gemeinden der Hauptstadt von Minas Gerais. Hierin kommt die reiche kulturelle Vielfalt in den Favela-Gemeinschaften Brasiliens zum Ausdruck. Auch wenn der Slam eine kulturelle Ausdrucksform ist, die aus den USA importiert wurde, hat er den südamerikanischen Stil der Brasilianer und Brasilianerinnen angenommen, die das Wort verwenden, um dichterisch ihr Leben auszudrücken.
Das reiche kulturelle Erbe mündlicher Dichtkunst in Brasilien
Andere mit der Volkskultur verbundene kulturelle Ausdrucksformen wie der musikalische Vortrag des Repente und die Hefte der Literatura de Cordel können als historische Wurzeln dieser neuen kulturellen Stile angesehen werden, die in den Peripherien Brasiliens ausgeübt werden. Die mündliche Dichtkunst stellt eine der mächtigsten brasilianischen kulturellen Ausdrucksformen dar und ist Ergebnis der Überlieferung des Landes, in der sich verschiedene mündliche Kulturen überkreuzen. Die indigene Kultur, die afrikanischstämmige Kultur und die europäische mündliche Kultur, vor allem jene der iberischen Halbinsel, trafen zusammen und schufen musikalische Ausdrucksformen wie den Samba und die Música Popular Brasileira, in der Text und Melodie sich auf einzigartige Weise miteinander vereinen.
Es erstaunt nicht, dass die Stadtränder und Favelas Brasiliens die Orte sind, an denen sich avantgardistische Ausdrucksformen wie Poetry Slam oder Hip-Hop finden. Sie belegen das kulturelle Brodeln dieser Orte. Die Mehrheit der Favela-Gemeinschaften der Metropolen Brasiliens entstand im 20. Jahrhundert infolge von Zuwanderungsdruck und urbaner Reformen. Menschen wurden in Favelas und an Orten mit schwierigem Zugang und geringer sanitärer Grundversorgung zusammengeballt.
In São Paulo, der Stadt mit der größten Favela-Bevölkerung Brasiliens, begann dieser Prozess am Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Sanierung von Stadtteilen und der Beseitigung der cortiços, d.h. von Stadtgebieten mit hoher Bevölkerungsdichte und schlechter Infrastruktur, so dass viele Menschen in die Favelas getrieben wurden. In den 1940er Jahren weiteten sich die Favelas infolge des Zuwanderungsstroms aus. Am Ende der 1950er Jahre lebten schätzungsweise mehr als 50.000 Menschen in den Favelas von São Paulo. 1965 gab die später weltbekannte Sängerin Maria Bethânia in der Show Opinião ihr Bühnendebüt (Regie: Augusto Boal, musikalische Leitung: Dori Caymmi). In jener Zeit löste das von Bethânia interpretierte Lied Carcará (João do Vale und José Cândido) Kritik an dem Zuwanderungsprozess aus, der in die Verarmung führte.
Favelas als urbanes Phänomen und Ausdruck kultureller Vielfalt
Ein ähnlicher Prozess lief auch in anderen Metropolen ab und fand seinen Höhepunkt in Rio de Janeiro. Hier gibt es Seite an Seite Stadtteile mit Villen und solche mit einfachen Favela-Behausungen, die sich entlang der Hügel der Guanabara-Bucht schlängeln. 2022 schätzte das Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística (IBGE), dass es in Brasilien mehr als 10.000 Favelas und urbane Gemeinschaften gebe, in denen 16,6 Millionen Menschen lebten (acht Prozent der Bevölkerung Brasiliens). 2024 entschied das IBGE, nach 50 Jahren wieder den Begriff „Favelas und urbane Gemeinschaften“ zu verwenden. 1970 war der Begriff „außergewöhnliche urbane Agglomerationen“ eingeführt worden. Die Geltung des Begriffs „Favela“ ist hierbei in Zusammenhang mit dem ausdrücklichen weltweiten Verständnis zu sehen, wie es zum Beispiel in der brasilianischen Version von Ziel 11.1. der Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen (SDGs, Ziele für nachhaltige Entwicklung) zum Ausdruck kommt: „Bis 2030 den Zugang zu angemessenem, sicherem und bezahlbarem Wohnraum und zur Grundversorgung für alle sicherstellen und Favelas sanieren.“
Zusammengeballt zu leben und kaum Zugang zu grundlegender Infrastruktur zu haben bedeutet jedoch nicht, dass die städtischen Gemeinschaften, die Favelas genannt werden, in einer grauen und ausdruckslosen ästhetischen Umgebung leben. Die Musik, die Literatur und der Tanz sind in den unterschiedlichsten Stilen gegenwärtig. Das Nebeneinander der Gemeinschaften mit anderen Stadtteilen ermöglicht es, dass die überlieferten Ausdrucksformen der Vorfahren – vor allem die kulinarischen –, die im Zeitalter der Migration ins Land gebracht wurden, am Leben erhalten und neu erfunden werden.
Kulturzentren, Kultur-Spots, Gemeinschaftsbibliotheken und Räume des Zusammenlebens wie Häuserblöcke werden für Versammlungen und ästhetischen Austausch genutzt, wodurch die kulturelle Produktion an diesen Orten gedeiht. In Belo Horizonte hat die Nichtregierungsorganisation Favela é Isso Aí einen Guia Cultural de Vilas e Favelas („Kulturführer der Villen und Favelas“) veröffentlicht. Dem war in den Jahren 2002 bis 2004 eine Kartierung vorausgegangen, die 740 kulturelle Gruppen unter den mehr als 500.000 Menschen ausmachte, die am Rand der Hauptstadt von Minas Gerais leben.
Eines der Ergebnisse war, dass 39 Prozent der kulturellen Gruppen sich der Musik widmen, ob Rap, Funk, Pagode (eine Samba-Variante) oder Forró. Auf dem zweiten Platz folgt das Kunsthandwerk mit 24 Prozent der untersuchten Gruppen und Künstler.
Unter den befragten Gemeinschaften befindet sich der Stadtteil Santa Lúcia, im Volksmund als Morro do Papagaio bekannt („Papageien-Hügel“). Die Gemeinschaft zählt zu jenen, die Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden. Hier kamen Familien zusammen, die das benachbarte Viertel São Bento verlassen mussten. In der Favela befindet sich weiterhin die Fazendinha, eine denkmalgeschützte Immobilie, die historisches Erbe der Gemeinde ist. Besitzer sind die Erben von Izabel Rocha de Magalhães, einer der Bewohnerinnen, die am längsten in der Agglomeration lebten. Auf dem Gebiet der Fazendinha befand sich eine Wasserquelle, die von den Bächen Cercadinho, Leitão und Ferrugem gespeist wurde. Diese bildeten eine Lagune, die heute Lagoa da Barragem Santa Lúcia genannt wird („Lagune des Santa-Lúcia-Damms“).
Eine Favela auf dem Weg zur Anerkennung als Kulturerbe
Etwas für eine Favela-Gemeinschaft noch nie Dagewesenes in der Stadt stellte die Initiative der Bewohner dar, die sich an die Behörden wandten, um die Anerkennung Santa Lúcias als Erbes von kulturellem und historischem Wert zu fordern. Die Favela Santa Lúcia verfügt über Schulen, Kindertagesstätten, öffentlichen Nachverkehr, Gesundheitszentren und Polizisten. Der Gemeinde kommen verschiedene Sozialprogramme zugute, darunter Fica Vivo und BH Cidadania. Im Dezember 2022 wurde der Gemeinde nach einem langen Prozess der Restaurierung das Herrenhaus der Fazendinha übergeben. Für die Leitung zuständig ist die Casa do Beco, eine 2003 gegründete Organisation der Zivilgesellschaft, die als Ponto de Cultura („Kulturort“) anerkannt ist, und deren Sitz sich ebenfalls im Morro do Papagaio befindet.
Als Kulturort ist Casa do Beco seit 2011 für die Öffentlichkeit zugänglich und bietet Schulungen, einen Austausch von kulturellen Erfahrungen und Raum für Aufführungen. Es gibt Kunstwerkstätten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Die Programmangebote sind immer kostenlos und finanzieren sich aus verschiedenen Quellen. Es werden auch Aufführungen organisiert, die sich mit dem Leben der Menschen in der Favela Morro do Papagaio befassen.
Favelas lassen sich nicht auf Herausforderungen und Gewalt reduzieren, sie bleiben Räume mit einem starken Gemeinschaftssinn, den sie von den Ursprungsgemeinden der in die Städte Zugewanderten geerbt haben. Dieser wurde geschmiedet im Prozess der Eroberung des Raums auf urbanem Gebiet. Die Kämpfe der Kulturschaffenden in diesen Räumen finden ihren Widerhall in der Poesie, der Musik und der Literatur in allen Teilen der Welt auf den unterschiedlichsten digitalen Plattformen. Die Schriften von Carolina Maria de Jesus (1914–1977) und Conceição Evaristo, 1946 geboren, sind Beispiele dafür, wie das Leben in der Favela trotz des Leids eine Quelle kultureller Ausdrucksformen von unbestreitbarem Wert für die Vielfalt Brasiliens darstellt.
Franklim Drumond ist Berater für soziokulturelle Projekte und Masterstudent der Philosophie an der Jesuitenfakultät für Philosophie und Theologie in Belo Horizonte.
BrasilienNachrichten 169/2024

