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Vom Zuckerrohrarbeiter zum Akademiker

von José Agnaldo Gomes, São Paulo
Übersetzung: Bernd Stößel       

Dieser Text verbindet zwei (Arbeits-)Schauplätze aus meinem Leben: jenen des jungen Zuckerrohrschneiders in Maracaí, einer 11.500-Einwohner-Stadt im Landesinneren des Bundesstaates São Paulo, wo ich 1970 geboren wurde und 1983 begann, im Zuckerrohrsektor zu arbeiten. Der andere Schauplatz ist der universitäre in der Metropole São Paulo...                                                                                                                                                                                                                                          

                                                                                                                                                                                                         

Dieser Text verbindet zwei (Arbeits-)Schauplätze aus meinem Leben: jenen des jungen Zuckerrohrschneiders in Maracaí, einer 11.500-Einwohner-Stadt im Landesinneren des Bundesstaates São Paulo, wo ich 1970 geboren wurde und 1983 begann, im Zuckerrohrsektor zu arbeiten. Der andere Schauplatz ist der universitäre in der Metropole São Paulo, in der ich seit dem Jahr 2010 als Professor für Psychologie an der Pontifícia Universidade Católica (PUC/SP) lehre. Im Rückspiegel der Erinnerung erscheinen die 460 Kilometer, die Maracaí von São Paulo trennen, von Abenteuern, Träumen und kulturellen Anpassungen, von Geduld, Hoffnung und Zufall geprägt zu sein.

Maracaí    

In Maracaí wurde ich als drittes von fünf Kindern geboren, zu dieser Zeit begann die Ölkrise. Um den Folgen dieser Krise zu begegnen, rief die brasilianische Regierung in den 1970er Jahren das Programm „Proálcool“ ins Leben. Dieses setzte auf Ethanol als Brennstoff, erzeugt auf der Grundlage von Zuckerrohr. In der Folge avancierte Brasilien zum weltweit zweitgrößten Hersteller von Ethanol, was für eine Verringerung der Abhängigkeit von Erdöl sorgte. In Maracaí entstand ein Latifundium, auf dem in Monokultur Zuckkerrohr angebaut wurde. In unserer Stadt entstand ein großer Arbeitsmarkt, allerdings mit prekären Arbeitsplätzen. Hier arbeitete ich von 1983, damals 13 Jahre alt, bis 1993. In meiner 2012 im Verlag „Ideias e Letras“ veröffentlichten Doktorarbeit sollte ich mich mit dem Thema intensiv aus arbeitspsychologischer Perspektive beschäftigen. Der Kampf ums Überleben unserer Familien zwang uns dazu, uns dieser mühevollen Arbeit zu unterwerfen. Jeder von uns musste jeden Tag sechs Tonnen Zuckerrohr schneiden, um nicht den Arbeitsplatz zu verlieren.

Die Arbeit auf der Zuckerrohrplantage verrichteten ursprünglich aus Afrika stammende Sklaven, die den Sektor aufblühen ließen. Später arbeiteten auf den Plantagen viele Heranwachsende aus armen Familien der Stadt. Sie mussten die Schufterei gegen den Besuch der Schule eintauschen. Nach dem Tod meines Vaters infolge eines Arbeitsunfalls war unsere Mutter, die erst als Rentnerin das Lesen und Schreiben lernte, die erste, die zur Machete griff, um das Überleben der fünf Kinder sicherzustellen. Im Alter von 13 Jahren musste ich 1983 die Grundschule abbrechen, um mit für den Lebensunterhalt zu sorgen. Wie ich waren alle meine Arbeitskollegen dazu gezwungen, die Schule zu verlassen.

Der Leser wird jetzt wahrscheinlich fragen: „Gab es denn zu dieser Zeit in Brasilien keine Arbeitsgesetzgebung, um die Minderjährigen zu schützen?“. Das „Estatuto da Criança e do Adolescente“, welches heute regelt, dass minderjährige „junge Lehrlinge“ nur sechs Stunden am Tag arbeiten dürfen, trat erst 1990 in Kraft. Zu meiner Zeit auf der Zuckerrohrplantage gab es noch den Acht-Stunden-Arbeitstag. In meine Erinnerung hat es sich als kräftezehrende und harte Arbeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang eingeprägt. Ich dachte immer, dass mein Leben doch einen Sinn haben muss, der über die Zuckerrohrplantage hinausgeht, wo sich jeden Tag die Süße des Zuckerrohrs in Bitterkeit und Schmerz verwandelte. Nach dem Heimkommen reichte die Kraft nur noch für das Bad, das Abendessen und einige gemütliche Schritte bis zum Bett. Dennoch waren die körperlichen Schmerzen Zeichen des Lebens und zeigten an, dass es sich noch von der Erholung am darauffolgenden Sonntag träumen ließ.

Jahre später, lange nach der Zeit auf der Zuckerrohrplantage, als ich an meiner Doktorarbeit saß, verstand ich die Kontinuität der Arbeit, die auch während der nächtlichen Stunden des Schlafs zum Ausdruck kam. Ein Tagelöhner macht an seinem achtstündigen Arbeitstag 100.000 Bewegungen, die sich immer wiederholen. Dies sorgt dafür, dass die Muskeln konditioniert werden und die gleichen Gesten ablaufen, selbst in einer Situation der Erholung. Historisch betrachtet ist der am häufigsten verwendete Begriff für einen Zuckerrohrschneider „boia-fria“. Dies nimmt Bezug auf das Essen, das er in einem passenden Behälter mit sich führt, und das von der Mutter bei Tagesanbruch zubereitet und warm gemacht wurde. Bis die Zeit des Mittagsessens kam, war das Essen aber längst kalt geworden, daher der Ausdruck „boia-fria“.

São Paulo

Mit 24 Jahren ließ ich die Beschwernisse der Zuckerrohrplantage hinter mir und nahm wie viele Binnenmigranten in Brasilien voller Träume und Angstgefühle Kurs auf die große Stadt, in meinem Fall die 12-Millionen-Einwohner-Metropole São Paulo. Noch bevor ich aufbrach, gelang es mir, in einem Ultraschnellkurs für Erwachsene das „Diplom“ zu erreichen, das bescheinigte, dass ich die Primarschule abgeschlossen habe. Mit einem leichten Rucksack und getragen von Flügeln der Träume und Hoffnungen kam ich also nach São Paulo. Das bisschen Geld, das ich tief in meinem Rucksack versteckt hatte, erlaubte es mir, eines der vier Betten in dem Zimmer einer Pension zu mieten. Mein „Diplom“, das bescheinigte, dass ich kein Analphabet war, half mir dabei, eine Arbeit als Verkäufer in einem Haushaltswarengeschäft zu bekommen. Später kam eine zweite Beschäftigung dazu, da der Lohn für die erste erbärmlich war. Für ein kleines Bestattungsinstitut verkaufte ich bis in die Nacht hinein Blumenkränze – jener Trost für die Angehörigen ihrer in dieser Nacht Verstorbenen. Außerdem für mich ein risikoloser Job, da es keine konjunkturellen Krisen gibt.

Die beiden Jobs in São Paulo gestatteten mir keine großen Sprünge, sie sicherten aber mein Überleben. Im Laufe der Zeit lernte ich, dass das Leben uns immer alles verschafft, was über das absolut Notwendige hinausgeht, einige Extras, die wir „Glück“ zu nennen pflegen, oder im Falle eines gewissen religiösen Hintergrundes Vorsehung. Ich selbst hatte Glück in São Paulo. Über einige Personen traf ich „zufällig“ andere Personen, die sich als sehr wichtig für mein Leben erweisen sollten. Lassen Sie mich jetzt nicht die ganzen Windungen rekapitulieren, die letztlich dazu führten, dass ich den Bischof von Mariana (Minas Gerais), Dom Luciano Mendes de Almeida, traf, der früher Weihbischof in São Paulo gewesen war. Dank Dom Luciano erhielt ich ein Studienstipendium für die Universidade São Judas Tadeu, um Psychologie zu studieren. Auf meine misstrauische Frage, ob es sich um ein Teilstipendium oder um ein Vollstipendium handele, antwortete der Bischof: „Haben Sie schon einmal gesehen, dass die Mutter die Hälfte gibt, wenn sie die Bitte ganz erfüllen kann?“. Mit einer unvorstellbaren Freude bedankte ich mich für die Großzügigkeit der „Mutter“, die ich nicht kannte. Es öffneten sich Fenster und Türen, die einen Traum wahr werden ließen. Seit den Tagen der Zuckerrohrplantage wollte ich eines Tages Psychologie studieren. Jetzt war die Stunde gekommen.

Lernen an der Akademie

Der Abschluss in Psychologie nährte in mir den Wunsch, meine Studien zu vertiefen, mittels eines Magisterabschlusses und der Promotion. Für mein Masterstudium erhielt ich erneut ein Vollstipendium an der Pontifícia Universidade Católica de São Paulo (PUC/SP). Hierbei unterstützte mich mir der damalige Erzbischof von São Paulo, Dom Cláudio Hummes, der Großkanzler dieser Universität. Da ich während meines Grundstudiums in São Judas mit Obdachlosen im Zentrum von São Paulo gearbeitet habe, wählte ich meine Erfahrungen mit Obdachlosen als Thema für meinen Masterabschluss (Street People in the City of São Paulo in Search of Social Participation, Ed. Abya Yala, Ecuador).
Um mich für die Promotion an der Universidade de São Paulo (USP) einschreiben zu können, benötigte ich neben Englisch die Prüfung in einer zweiten Fremdsprache. Ich entschied mich für Deutsch und eignete mir die Sprache während einer sechsmonatigen Freiwilligenarbeit in Berlin mit mit Obdachlosen im Rahmen eines Programms der Missionszentrale der Franziskaner an.
Das Doktorstudium an der Universidade de São Paulo/USP sollte mich erneut zu den Zuckerrohrplantagen führen. Doch diesmal nicht als „boia-fria“, sondern als Forscher, der sich mit den Arbeitsbedingungen im Zuckerrohranbau in Cosmópolis, im Bundesstaat São Paulo, beschäftigt. Die eigene Erfahrung als Zuckerrohrschneider und das Gespräch mit boias-frias in diesem neuen Rahmen in Cosmópolis führten mich hin zur aktuellen Diskussion über die Arbeit als Schlüsselkategorie der Arbeitspsychologie und der Soziologie sowie der Diskussion über die Krise des „Produktionsparadigmas“ und über die angebliche Energie-Alternative durch die sogenannten Biobrennstoffe und deren Versprechen, der Umwelt weniger Schaden zuzufügen. Übersehen wird hierbei aber, dass die Monokultur aufgrund ihres enormen Bedarfs an Landfläche unweigerlich zu Umweltzerstörung führt. Der von der Agrarindustrie ausgeübte Druck und deren vermeintlicher Wachstumsbedarf fördern die Abholzung des Amazonas-Regenwaldes, die Zerstörung von Cerrado-Gebieten, den Einsatz von Kunstdüngern und stellen eine Bedrohung der von Familien betriebenen Landwirtschaft durch Latifundien dar. All diese Punkte sind eng miteinander verbunden.
Die Zuckerrohr-Monokultur, aus der Zucker und Ethanol für den Weltmarkt hergestellt wird, ist eine Metapher für Süße und Beschleunigung, für Ideologie und Verdinglichung. Die Ideologie muss süß sein und die Arbeit beschleunigt. Zucker und Ethanol, Süße und Beschleunigung, die Produkte der Zuckerrohrplantage lassen uns letztere zugleich als Realität und als Metapher verstehen. So wie der Name der ausgewählten Stadt selbst: Cosmópolis, die Stadt, in der die Kosmologie der Zuckerrohrplantage gelebt wird.

Heute bin ich Professor für Sozialpsychologie an der PUC/SP. Nach Angaben der Nationalen Versorgungsgesellschaft (Conab) wird für die Ernte 2024/25 mit einer Produktion von 46 Millionen Tonnen Zuckerohr gerechnet. Dies bedeutet eine Zunahme um 0,7 Prozent im Vergleich mit der vorherigen Ernte. Der Markt für das Süßungsmittel bleibt günstig und sorgt nachvollziehbarerweise für eine Zucker-Rekordernte. Die Gesamtproduktion an Ethanol, das auf Grundlage von Zuckerrohr und Mais hergestellt wird, beträgt geschätzt 35,41 Milliarden Liter Ethanol. Der Zuckerrohr-Anbau zählt im Bundesstaat São Paulo zu den wichtigsten Agrarkulturen. Ihm kommt eine grundlegende Rolle nicht nur für die lokale, sondern auch für die nationale Wirtschaft zu. Der Bundesstaat ist der größte Zuckerproduzent in Brasilien, auf ihn entfällt mehr als die Hälfte der bundesweiten Produktion. Diese Vorherrschaft verdankt sich den günstigen klimatischen Bedingungen, der Ausdehnung weiter Agrarflächen sowie einer gut entwickelten Infrastruktur für den Transport der Produktion. Unzählige Produktionseinheiten für Zucker und Ethanol verteilen sich strategisch über den Staat. Dies erleichtert die Verarbeitung und den Export der auf der Grundlage von Zuckerrohr entstandenen Produkte. 
Was die manuelle Arbeit bei der Zuckerrohr-Ernte betrifft, so gibt es keine Schätzung, wie viele Arbeiter direkt oder indirekt beschäftigt werden. Der Produktionszyklus auf dem Feld umfasst den Anbau, das Jäten und die Ernte. Für die Ernteperiode werden Saisonarbeiter eingestellt. Zum Ende der manuellen Ernte trug maßgeblich der Einsatz von Erntemaschinen bei. Es gibt Erntemaschinen, die in 24 Stunden so viel Zuckerrohr schneiden wie 100 Arbeiter manuell, nämlich bis zu 1.000 Tonnen. In Gebieten mit einem Gefälle von über 12% muss die Arbeit weiterhin von Handarbeit erledigt werden. Dank der Mechanisierung und anderer Veränderungen, die für Rationalisierungen auf der Zuckerrohrplantage sorgen, hat sich die Situation für die Arbeit auf den Feldern etwas verbessert. Das Transportmittel des boia-fria ist nicht mehr der Lastwagen, sondern der Bus. Der Zuckerrohrschneider erhält im Rahmen der „Equipamentos de Proteção Individual“ (EPI) zum Beispiel Masken und Schuhe, die seinem Schutz bei der Arbeit dienen. Außerdem gibt es die „Carteira de Trabalho“, ein kleines blaues Buch, in dem bisherige Beschäftigungen ebenso eingetragen sind wie die Beiträge für Gewerkschaften und zum staatlichen Rentensystem.
Die Kluft von „Arbeit“ und „Lebensqualität“ hat sich anscheinend verringert, aber die Angst vor Arbeitslosigkeit, die durch die Mechanisierung auf der Zuckerrohrplantage und den Anstieg der Produktivität verursacht wird, überlagert heute die Erleichterungen, die gesetzlich vorgeschrieben sind. Bei einem Vergleich der maschinellen Produktion mit jener eines Arbeiters ergibt sich immer ein Konkurrenzdruck durch die Maschine, die mehr in kürzerer Zeit produziert. Neue Technologien im Rahmen der konservativen Innovation und der globale Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt ließen zudem das „Produktionsparadigma“ in die Ferne rücken, das eine emanzipatorische Perspektive aufzeigt, die in der Lage ist, Menschlichkeit und Natur miteinander zu verbinden.
Wie lassen sich, ausgehend von einer solchen systematischen Berücksichtigung des Subjektes, strukturelle und weltweite Veränderungen der Emanzipation der Menschheit denken? Diese Veränderungen müssen über Alternativen des Überlebens oder der Arbeitslosigkeit hinausgehen. Um nicht ihren Job zu verlieren, mussten die Zuckerrohrarbeiter die Produktion innerhalb von 20 Jahren verdoppeln, was bedeutete, dass jeder einzelne von ihnen 12 Tonnen Zuckerrohr oder mehr pro Tag schneiden musste. Es sei darauf hingewiesen, dass dieser Arbeiter nur für sein Schaffen bei der Zuckerrohrernte bezahlt wird, was die Härte der Arbeit unterstreicht. Die Berechnung für den Verdienst ist komplex, was es erschwert, klar nachzuvollziehen, was geleistete Arbeit ist, und was bezahlte Arbeit. Da der Gewinn von der Produktion abhängt, lässt sich die durchschnittliche monatliche Bezahlung des „boia-fria“ nicht genau schätzen. Einige Quellen gehen von 1.500 bis 2.000 Real aus (243 bis 325 Euro). Die Zuckerrohrschneider wünschen sich einen Festlohn, der die starre Verbindung zwischen Produktion und Bezahlung aufheben würde, die der Gesundheit des Arbeiters Schaden zufügt. Die körperliche Anstrengung, das Tragen schwerer Arbeitskleidung wie Stiefel, Handschuhe, Denimhosen, Gamaschen, langärmelige Hemden, Tücher um Hals und Gesicht, Schutzbrillen, zu der noch die Arbeitsausrüstung hinzukommt, führen zu Krankheiten. Die Arbeitsbedingungen rufen zum Beispiel Schäden aufgrund der immer gleichen, anstrengenden Bewegungen hervor. Im Zuckerrohrsektor tätige Arbeiter verletzen sich rund acht Mal so oft wie Arbeiter aus dem Zitrusfrüchte- oder dem Getreidesektor. Einer Aussage eines Vorsitzenden einer Landarbeitergewerkschaft zufolge soll die zunehmende Mechanisierung nicht die Zuckerrohrarbeiter entlasten, sondern die Produktivität erhöhen und Arbeiter ersetzen, wenn es sich um flache und für Maschinen zugängliche Stellen handelt. Aus dieser Perspektive betrachtet befördert die Mechanisierung die Fabrik in die technologische Moderne, zugleich verbleiben aber die Arbeiter in einer Situation vormoderner Härte ohne den Schutz, der durch die Konsolidierung der Arbeitsgesetze eigentlich geregelt ist.  
Der Website Agência Brasil zufolge befreiten Inspektoren des brasilianischen Arbeitsministeriums 2023 im Rahmen einer einzigen Operation 53 Zuckerohrschneider, die unter sklavereiähnlichen Bedingungen im Inneren des Bundesstaates Goiás schufteten. Die Arbeiter wurden dazu gezwungen, eine Wohnstätte in Städten in der Nähe der Fabrik zu mieten. Nachdem eine Wohnung gewährleistet war, mussten die Arbeiter den Arbeitgebern einen Wohnsitznachweis vorlegen, damit sie als Ortsansässige behandelt werden konnten. Die Arbeitgeber entband dies davon, für eine Unterkunft zu sorgen. Dabei bestimmt die Rechtsnorm Nr. 31, die Vorschriften unter anderem für die Arbeit im Agrarsektor enthält, dass der Arbeitgeber, neben anderen Pflichten, Unterkünfte zur Verfügung stellen muss. Ist der Arbeiter Bewohner der Stadt, in der sich die Fabrik befindet, entfällt diese Pflicht.
Gängige Praxis ist es freilich, Arbeiter aus anderen Bundesstaaten anzuwerben, die während der Zuckerrohrernte auf der Plantage bleiben, also Saisonarbeiter sind. Während der Forschung für meine Dissertation erklärte mir eine Gewerkschafterin im Gespräch, dass die Saisonarbeiter, die durch einen Mittelsmann, der auch „Gato“ („Katze“) genannt wird, in den Bundesstaat São Paulo kommen, um Geld für ihre Familien anzusammeln. Überwiegend kämen diese Arbeiter aus den Bundesstaaten Paraíba, Minas Gerais, Bahia und Ceará.
Sie müssten mehr arbeiten für den Aufenthalt im Bundesstaat São Paulo, um Lebensmittel und die Miete in den Unterkünften bezahlen zu können und außerdem noch Geld anzusammeln, das sie in ihre Heimat an ihre Familien schickten. Die Kriterien für die Aufnahme eines Arbeiters, ob auf dem Feld oder in der Fabrik, basieren auf seiner Produktivität. Im Fall der „boias-frias“ wird die Auswahl getroffen ausgehend von den Tonnen Zuckerrohr, die ein Arbeiter pro Tag schneidet. Außerdem sollte er möglichst geringe Forderungen stellen. Laut Website des Arbeitsministeriums war der Kaffeeanbau jener Sektor, in dem die meisten Menschen befreit werden mussten, nämlich 302. Damit lag er vor dem Zuckerrohrsektor mit 258 Befreiten.

Die Zuckerrohrplantage als Politikfeld heute

Die politische Diskussion um die Produktion von Zucker und Ethanol als Produkte von geopolitischer Bedeutung sowie um die sozialen Folgen dieser Produktion macht die Debatte besonders aktuell. Das Interesse an Selbstversorgung im Energiebereich verschärft den Kampf um die Hinzugewinnung von immer mehr Landfläche, zusätzlich zu jener, die bereits von Zuckerrohr-Monokulturen belegt ist. Die meisten Kleinbauern haben ihr Land bereits verloren. Der Verlust der Bedingungen für Subsistenz und die Migration vom Land in die Stadt sind Ergebnisse dieser Monokultur-Logik, verstärkt noch durch die Politik des Agrobusiness. Dieses verfügt heute über seine Vertreter im Kongress in Brasília, die sogenannte „bancada ruralista“. Diese Fraktion wird gebildet von großen Landbesitzern, die auch die Abgrenzung indigenen Landes ablehnen.
Die Euphorie über die Prosperität des Agrobusiness hinsichtlich Zucker und Ethanol überlagert die sozialen Bedingungen, unter denen die Produktion abläuft. Als Folge der Prosperität des Agrobusiness ergeben sich drei Konflikte mit ihren jeweiligen ideologischen Diskursen: die Frage der Arbeit (hart, ähnlich der Sklavenarbeit, und Arbeit unter menschenunwürdigen Bedingungen), die ökologische Frage (Abholzung, Monokultur, Brandrodungen, klimatische Veränderungen und Umweltfolgen) sowie die Frage der Nahrungsmittelsicherheit (Schwächung der Familienlandwirtschaft, Vertreibung von Kleinbauern vom Land in die Stadt). Die Ausweitung der Landflächen für den Anbau von Zuckerrohr geht auf Kosten der Arbeit der Familien und der Nahrungsmittelproduktion. Die Aneignung von Land für das das Vordringen der Monokultur geschieht durch Pacht oder Kauf, jeder einzelne Hektar ist umkämpft. Was auf dem Spiel steht, ist das Entwicklungsmodell, es entstehen asymmetrische sozioökonomische Beziehungen, die die Menschenwürde verletzen. Die Frage der Menschenwürde lässt uns das Entwicklungsmodell überdenken, das auf Wachstum basiert, auf der Beschleunigung der Produktion und auf der privilegierten Akkumulation des Kapitals.
Wie kann man über eine Entwicklung für alle nachdenken, innerhalb der Grenzen, die der Raubbau an der Natur mit seinen Umweltauswirkungen setzt, einschließlich der Schäden an und in den sozialen Beziehungen, die auf Ungleichheit beruhen? Dieses System, das für eine Gesamtheit zu stehen scheint, ist fragmentiert und zerrissen aufgrund seiner eigenen Widersprüche. Nach dem Ende der großen Narrative lässt die Pluralität der kulturellen Beweggründe es nicht mehr zu, auf der Einheit eines Beweggrundes zu bestehen, der vollkommen blockiert sein könnte von der pathologischen Ordnung der neoliberalen Gesellschaft. In dieser finden sich aufgrund der eigenen Widersprüche, des Leidens, des Dialogs, der in der Realität eingebauten Notbremse, der eigenen Kritik, zu der diese Gesellschaft noch fähig ist, sowie der sozialen Kämpfe – Splitter der Rationalität und Bruchstücke der Hoffnung. Denken zu können, vielleicht nicht vom System ausgehend, sondern erfahrungsorientiert von der Welt ausgehend, die eigene Entfremdung, das soziale Leiden als unnötig wahrnehmen, und die sozialen Kämpfe zu unterstützen als Mittlerin zwischen der Rationalität des Marktes und der Rationalität der Menschenwürde, all dies bedeutet bereits, der Anpassung zu widerstehen, signalisiert letztlich Emanzipation. Die Wahrnehmung des historisch zugefügten Schmerzes, nicht durch die Natur, sondern durch die Gesellschaft, erlaubt also, die Dekonstruktion der strukturellen Beschwerlichkeit als rationale Möglichkeit zu denken.
Jahre nachdem ich die Zuckerrohrplantage verlassen hatte, auf der ich zehn Jahre arbeitete, im Alter von 13 bis 23 Jahren, kehrte ich an diese Arbeitsfront zurück, nicht mehr als „boia-fria“, sondern als Forscher. Ich hörte meinen Mitstreitern zu, informierte mich über die aktuelle Situation der „boias-frias.“
Ich nicke den Zuckerrohrschneidern diskret zu. Die Sonne brennt bereits. Adé Zuckerrohrschneider und Zuckerrohrschneiderinnen! Euer Kampf für Brot ist der erste Schritt einer langen Wanderung. Das Wort des Dichters Pablo Neruda ermahnt uns, an etwas Wesentliches zu denken, das ich immer ahnte: „Das Brot von morgen, für all die Münder, heilig und geweiht, (…) wird das Produkt des längsten und des härtesten menschlichen Kampfes sein.“.

Prof. Dr. José Agnaldo Gomes 
Psychologe, Promotion in Sozialpsychologie an der Universidade de São Paulo (USP), seit 2010 Dozent an der Pontifícia Universidade Católica de São Paulo (PUC/SP). Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

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